Yoga – wer blickt eigentlich noch durch?

By 24. Oktober 2016lese-ecke

Yoga boomt. Doch wissen die Yoginis auch was sie tun?

Das Thema Yoga füllt in Buchhandlungen ganze Regale. Es gibt so viele DVDs, Bücher und YouTube-Videos, dass man Material für mindestens 50 Jahre hat. Ein paar gute Bücher, dies es wert sind gekauft zu werden, gibt es tatsächlich. Geschrieben von Yogalehrerinnen, die seit den 1980er Jahren unterrichten, also lange bevor Yoga „hip“ war.

In München gibt es über 800 Yogalehrer und unzählige Studios. Yogamattentragende Menschen gehören mittlerweile zum Stadtbild dazu. Doch kommt man mit Leuten ins Gespräch zeigt sich, dass kaum jemand wirklich weiß, was Yoga ist, wo es herkommt und wie vielschichtig es ist.

Mir ging es vor meiner Yogalehrerausbildung genauso. Für mich war Yoga das, was ich in Frauenzeitschriften saß. Junge, dünne Frauen in hautengen Leggings und mit bauchfreiem Top, akrobatisch verbogen. Positionen, die ich früher im Zirkus gesehen hatte. Ich dachte, Yoga ist nichts für mich, weil ich weder die dünne Figur habe, noch mich wie ein Schlangenmensch verbiegen kann. Dass Yoga weder etwas mit Figur, noch mit Alter, noch mit Gummigelenken zu tun hat, habe ich irgendwann von einer Yogalehrerin erfahren, die man, ohne sie zu beleidigen, als sehr mollig bezeichnen darf.

Mit dem Yoga ist es wie mit vielen Dingen, für die man eine Schule besucht, sich ausbilden lässt. Das wirkliche Verstehen, Begreifen und Können beginnt erst nach der Prüfung. Nach der Führerscheinprüfung weiß man zwar wie man das Auto bedient, aber ein erfahrener Fahrer ist man dann noch nicht. Yoga ist so vielschichtig, dass man auch als Yogalehrer Jahre braucht, um sich durch alle Asanas, die Philosophie, die verschiedenen Yoga-Arten zu arbeiten.

Auch wenn man nicht Yogalehrer werden muss, um Yoga zu praktizieren, sollte man ein paar Dinge wissen, um sich in dem schier unübersichtlichen Angbot zurechtzufinden. Das Wichtigste: wenn Sie sich auf die Yogamatte begeben, um Positionen Hund, Krokodil & Co. zu versuchen, handelt es sich um HATHA-Yoga. Egal, wie sich das Studio nennt und unter welcher Bezeichnung die Yogastunde im Plan steht. Es gibt viele Stilrichtungen, aber das körperliche Yoga ist und bleibt Hatha-Yoga.

Einen kleinen Überblick über die verschiedenen Yogastile finden Sie hier: http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/das-grosse-yoga-abc-ashtanga-anusara-jivamukti-oder-iyengar-a-927154.html

Welche Stile sind sinnvoll, welche eher Marketing-Gags? Das ist nicht einfach zu beantworten, denn die Geschmäcker sind verschieden. Ich bin Yogalehrerin mit Begeisterung, finde aber nicht alles gut und kann auch nicht alles. Zum einen habe ich einen bayrischen und keinen schlaksig-dünnen indischen Körper, zum anderen kann man auch nicht alles können. Ich unterrichte das, wo ich aufgrund meiner medizinischen Ausbildung und langjährigen Trainingserfahrung weiß, dass bei meinen Kunden alles im grünen Bereich bleibt. Da ich hauptsächlich mit Anfängern und Menschen mit griffiger Figur arbeitet, haben sich zwei Stilrichtungen herauskristallisiert, die ich persönlich gut finde.

Sehr sinnvoll, vor allem für Anfänger ist IYENGAR YOGA. Vorausgesetzt, man findet einen wirklichen Anfängerkurs. Iyengar achtet auf eine korrekte Ausrichtung des Körpers und arbeitet mit Hilfsmitteln wie Decken, Bolster, Klötzen, Gurten und (in klassischen Iyengarstudios) auch mit an der Wand befestigten Seilen gearbeitet.

Auch toll, weil man ins „spüren“ kommt, ist die Stilrichtung YIN YOGA. Lange gehaltene Dehnpositionen. Die Idee ist, das Gewebe (Muskeln, Bindegewebe/Faszien, Sehnen) zu dehnen, geschmeidig werden zu lassen, damit sich Blockaden lösen, die Energie frei fließen kann und der Körper im Gleichgewicht (Yin & Yang) bleibt. Die Chinesen nennen diese Energie „Qi“ und bedienen sich seit Jahrtausenden der Traditionen von Qi Gong, Taiji und anderen Bewegungsformen. Im Ayurveda nennt man diese Lebensenergie PRANA. Obwohl Yoga seine Wurzeln in Indien hat, bekam diese Stilrichtung den Namen YIN YOGA. 

Für den Durchschnitts-Yogini weniger sinnvoll ist meines Erachtens BIKRAM YOGA, sowie alles was durch zu viel Akrobatik und Power dem Körper noch mehr Stress beschert, als er eh schon hat.

FASZIEN-Yoga ist wie die Faszien-Massage (deep tissue) derzeit sehr angesagt. Bei einer Massage hat man die Faszien (das Bindegewebe) automatisch und immer im Griff und wenn wir uns bewegen, egal ob beim Yoga, Pilates oder beim Joggen, ist das Bindegewebe mit von der Partie. Wenn Sie Ihrem Bindegewebe etwas Gutes tun wollen, dann mit einer kräftigen Massage und Stretching (siehe YIN Yoga).

Ob jemand Gefallen an speziellen Lach-Yoga oder Hormon-Yoga-Stunden findet, ist Geschmackssache. In meinen Yogastunden wird oft und herzlich gelacht und beim Lachen werden ganz viele Hormone aktiv. 

Das Beste ist ausprobieren, was einem gefällt und wo man sich langfristig wohl fühlt. Verschiedene Studios, verschiedene Lehrer, verschiedene Stilrichtungen und nicht zu vergessen, von der privaten Einzelstunde bis zur Gruppe mit 30 Leuten. Einfach ausprobieren. Als Anfänger sollte man ein paar Einzelstunden nehmen und sich eher an kleine Gruppen mit max. 6 Teilnehmern halten. Ein Prinzip im Yoga ist, liebevoll mit sich und seinem Körper zu sein, ihn nicht in Positionen zu drängen die er (noch) nicht kann und ständig über Grenzen zu gehen. Wie so oft gilt auch beim Yoga: weniger ist oft mehr.

Und vielleicht entdeckt man, dass es garnicht Yoga ist, das einen begeistert. Vielleicht ist es am Ende Qi Gong, Taiji, Pilates, Walking, Jogging, Tanzen, oder oder oder….